Die Visionsbar steht als ein Begriff für spezielle Räume im Kino in der DDR.

Sie ist ein Raum, der vom eigentlichen Kinosaal durch eine Glasscheibe abgetrennt ist. Hier konnte man wie daheim im Wohnzimmer, in einem Sessel um einen Tisch herum sitzen und durch eine Glasscheibe/Glaswand den Film im großen Kinosaal betrachten, weshalb sie manchmal auch Glasscheibenkinos genannt wurden. Gleichzeitig gab es kleine Speisen und Getränke zum konsumieren.

Diese Art von Orten und Räumen hat es nur in der DDR gegeben. Sie entstanden aus dem Versuch heraus, Ende der 1960er Jahre den sinkenden Zahlen von Kinobesucher*innen entgegen zu wirken und wieder mehr Menschen zur gemeinsamen Freizeitgestaltung  in die Kinos zu locken. Als Ursachen dafür wurde u.a. der „bescheidene Wohlstand“ in dieser Zeit gesehen, durch den die Menschen das erste Mal ihre Freizeit lieber daheim verbrachten wo sich in den privaten Wohnzimmern  mehr und mehr Fernsehgeräte verbreiteten.

Fernseher RFT

„Also blieben die Bürger nach ihrem anstrengenden Tag mit Geld verdienen, Anstehen, Einkaufen‚ gesellschaftlichen Verpflichtungen und Kinderversorgung doch lieber zu Hause und machten es sich dort gemütlich […].“*  

*Tanja Tröger, Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte, Franz Steiner Verlag, Bd. 7.(2005), S. 153  

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Auch die Entstehung sog. Trabantenstädte, großflächiger Neubausiedlungen am Stadtrand mit unzureichender Verkehrsanbindung, war ebenfalls ein Faktor für die sinkende Zahlen von Kinobesucher*innen. 

Entstehung einer Trabantenstadt.jpg

Wahrscheinlich spielten aber auch Auswahl und Angebot an realsozialistischen Kinofilmen in dieser Zeit eine nicht unwichtige Rolle am Ausbleiben der Besucher*innen.

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Filmplakat der Hut des Brigadiers
Filmplakat Lord am Alex.jpg
Filmplakat DR.med. Sommer 2.jpg
Filmplakat Du u.ich u.Klein Paris_

Ende der 1960er Jahre stand also die Frage: Wie kann man das Kino und die Kinokultur verändern, um wieder mehr Besucher*innen anzulocken? Die Idee war: „Mit Gemütlichkeit!“ Komfortable Sitzgelegenheiten und ein gleichzeitiges Angebot an Essen und Trinken, sollte die Menschen wieder zurück ins Kino bringen. So entstand 1970 die erste Visionsbar in Halle, als Versuch, einen Ort mit heimischem Ambiente außerhalb der eigenen vier Wände zu schaffen. 

Blick in die Visionsbar collage .jpg

Räumlich ist die Visionsbar vom eigentlichen Kinosaal komplett getrennt. Der Eingang befindet sich meist an der Rückseite, separat vom Zugang zum Kinosaal. So werden  bereits im Foyer die Besucher*innen vom „gewöhnlichen“ Publikum getrennt. Der Raum selber, ist im Verhältnis zum Kinosaal kleiner und niederer (die normale Raumhöhe beträgt ca. 4 Meter). Nachdem man ihn vom hohen Foyer aus betritt, ist man sofort in einem kleinen, gemütlichen, wohnzimmerähnlichen Raum mit einem weiten Blick durch eine Glasfront auf den dahinter liegenden großen Kinosaal und die Leinwand. 

Manche Bars sind auch mit einem Teppichboden eingerichtet. 

Die verkleinerten Räumlichkeiten des Kinos wurden nach dem Vorbild des heimischen Wohnzimmers entsprechend angepasst, wodurch sie bequem und gemütlich wirkten. Die Möblierung war dabei nicht allzu weit von der Realität vieler  bürgerlicher Wohnstuben in dieser Zeit entfernt.

Wohnen in der DDR - Wohnzimmer

Zusätzlich sollten die Größe und die Inneneinrichtung ein Gefühl von Gemeinschaft erzeugen. Ein kleines gastronomisches Angebot an Speisen und Getränken unterstützte die angenehme Atmosphäre. Im hinteren Bereich oder an der Seite war ein Bartresen eingebaut, an dem die Gäste ihre Bestellung aufgeben und abholen konnten. Die Visionsbar war praktisch ein öffentliches Wohnzimmer mit Kellner, in dem man sich für zwei Stunden getroffen und zusammen einen Film geschaut hat.

Visionsbar mit Besucher*innen

Was durch die Trennung der Kinobesucher*innen aber auch entstanden sein muss, ist eine Art der "Zweiklassengesellschaft". Die Eintrittspreise für Visionsbars betrugen das Doppelte bis Dreifache des eigentlichen Kinopreises. Hinzu kamen noch die Kosten für Speisen und Getränke. Ein Platz in der Visonsbar vervielfachte somit die Ausgaben des Kinobesuches deutlich. 

Ein damaliger Besucher beschreibt seinen Eindruck so: 

„Gewollt war wohl so eine Art ‚Delikat‘* für Kinobesucher, NeueÖkonomischePolitik im Kino. Karten für die Visionsbar wurden zur Währung. Und es waren mitunter merkwürdige Besucher, die vom profanen Publikum getrennt durch Glaswände auf Selbiges herabschauten und bei Feuerfleisch und Herrengedeck kein Problem hatten, Klimows** ‚Geh und sieh‘ mehr oder weniger aufmerksam zu verfolgen.“ *** 

* 'Delikat’ auch 'Deli‘ genannt, war eine Bezeichnung für einen Typ von Lebensmittelgeschäft in dem es hauptsächlich Nahrungs- und Genussmittel (Delikatessen) zu kaufen gab, die vorrangig für den Export hergestellt wurden und in normalen Lebensmittelgeschäften nicht erhältlich waren. Die Artikel hatten meist eine eher westliche Aufmachung und waren im Preis um ein vielfaches teurer als gewöhnliche Lebensmittel. Mir ist noch der Preis für eine Dose Annanas oder Pfirsiche für 11 Mark in Erinnerung. 

** Wladimir Jakowlewitsch Klimow  war ein sowjetischer Konstrukteur von Flugzeugmotoren. Zuletzt bekleidete er den Rang eines Generalmajors des Ingenieurtechnischen Dienstes. Als er 1962 starb, war er fünffacher Träger des Leninordens,  zweifacher Held der sozialistischen Arbeit (1940, 1957), vierfacher Staatspreisträger (1941, 1943, 1946, 1949) und Mitglied der Akademie der Wissenschaft der UdSSR (1953). (quelle: wikipedia)

*** Karsten Fritz über die Visionsbar der Schauburg Dresden (eröffnet vermutlich 1978). In: Von einer Vision zur Visionsbar und wieder zurück. Sax, 10/1997, S. 8. und In: Visionsbars, Kino im Glaskasten, Tanja Tröger 2004–2013, website http://www.ddr-klubkinos.de/visionsbars.htm, Zuschauer, 24.01.2019

Tischschild Reserviert

Eine andere Besucherin erinnert sich:

„Ich war da [...] mal mit meiner Oma drin. Es war ziemlich mondän, wirkte eher wie ein Herrenklub. Kleine runde Tische mit drei bis vier Stühlen locker im Raum verteilt, ich glaube, alles war in rot gehalten.“ *

* Besucherin des Klubkinos Suhl (eröffnet 1977), Jg. 1979, In: Visionsbars, Kino im Glaskasten, Tanja Tröger 2004–2013

Was auffällt, ist die eigenartige Situation, dass man einen Film durch eine Scheibe schaut und zum anderen die Entfernung zur Leinwand. Visionsbars befanden sich immer dort, wo früher die hintersten Sitzreihen des Kinos waren, die nicht unbedingt als bevorzugte Plätze für wahre Filmenthusiasten gelten....

Visiosnbar Plan_Gadebusch_Zeichnung
blick aus der Visionsbar .jpg

Zu Beginn hatten die Visionsbars vor allem eine soziale Funktion. Man sollte in einem kleinen Kreis in gemütlicher Atmosphäre mit anderen ins Gespräch kommen. Durch die hohen Besucherzahlen, wurde der Erfolg dieser Einrichtungen jedoch auch von der Parteiregierung erkannt und später zum Teil auch benutzt. Zum Publikum zählten nicht mehr nur ausschließlich Privatpersonen, sondern auch kleine Gruppen wie Arbeitskollektive, Lehrklassen, Vereine etc. wurden angesprochen. 

Lutz Lehnhof, ehemaliger Abteilungsleiter für Öffentlichkeitsarbeit der Bezirksfilmdirektion Halle berichtet: „Die Gespräche die oft einer Vorführung folgten, boten Gelegenheit zur Informationsvermittlung über den Film und zur Diskussion über „Lebensfragen unserer Zeit“, zur Auseinandersetzung mit sich selbst und zum gemeinsamen Gedankenaustausch. Über die Leinwand flimmerten nämlich in erster Linie "Problemfilme" [...] Die Streifen sollten nach den Vorstellungen der Berliner Kulturfunktionäre durchaus die Vorzüge und Werte des Sozialismus bewusst machen sowie Wege aufzeigen, ein sinnvolles Leben zu führen.“*  Damit die Gespräche und Diskussionen nicht ausuferten, gab es für die Moderation und Leitung der Filmgesprächegeschulte Gesprächsleiter*innen.

*aus Tanja Tröger, Jahrbuch für Kommunikationsgeschichte, Franz Steiner Verlag, Bd. 7. (2005), S.163

Betrachtet man die Visionsbar aus heutiger Sicht, so kann man die Architektur des Kinos und der Visionsbar als Spiegel der DDR-Gesellschaft bezeichnen. Sie zeigt eine offiziell nicht vorhandene Zweiklassenteilung, die vom Staat, in diesem Fall der Leinwand, gelenkt wurde.

Aus der Perspektive eines politischen Raumes heraus, könnte man sagen, dass die „Elite“ in der Visionsbar aus einer sicheren Position heraus auf das Volk blickt/es beobachtet. Umgekehrt funktionierte die Visionsbar für das Volk (die Besucher*innen des großen Kinosaales) als eine Art lebendige Werbung für ein gutes Leben in der DDR. Schließlich war das Bild, was sich den Betrachter*innen dieses "Schaufensters" bot nicht allzu fremd. Man konnte sich mit der Einrichtung und dem gastronomischen Angebot identifizieren, weil es doch immer auch noch der eigenen Welt entsprach. Was aus dieser Betrachtungsweise interessant erscheint, ist die Situation, dass am Ende doch beide „Klassen“ den selben Film sahen/sehen mussten, der ihnen von der Ebene des Staates/der Bezirksfilmdirektion, freigegeben wurde.

Filmplakat Kuhle Wampe

© Franziska Schink 2019

Visionsbar 

über einen öffentlichen Raum in der DDR (Auszug )